2012! Ein neues Jahr hat begonnen – Grund genug, einmal der Frage nachzugehen, was die christliche evangelikale Szene in Deutschland von diesem frisch angebrochenen Jahr zu erwarten hat. Die Antwort folgt in Teilen schon aus meinem düsteren Resümee des vergangenen Jahres 2011, das ich kurz vor Weihnachten hier im Blog gezogen habe: Nichts Gutes.
Der im letzten Jahr erfolgte emergente Dammbruch in die Mitte der christlichen evangelikalen Szene hinein wird das Gesicht der evangelikalen Szene in Deutschland, wie man es aus den letzten beiden Jahrzehnten kennt, nun deutlich verändern. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg hat mit dem “christlichen Postmodernismus” der Emergenten Bewegung eine Lehre, deren Grundlagen nicht mit biblisch-christlichem Denken vereinbar sind, signifikante Teile der evangelikalen christlichen Szene in Deutschland erfaßt – darunter insbesondere die intellektuelle Elite junger aufstrebender potentieller Leiter -, und das in sehr kurzer Zeit (auf die Voraussetzungen für das Tempo dieser Entwicklung werde ich in einem späteren Blogposting noch einmal gesondert eingehen).
Vor kurzem noch an der Bedeutung von absoluter Wahrheit und objektiver Realität für den christlichen Glauben festhaltende Organisationen und geistliche Leiter schwadronieren nicht nur plötzlich allenthalben von “Gemeinde in der Postmoderne” und “Gemeinde im Wandel”, rezipieren die diesbezüglichen Thesen der Emergenten Bewegung und holen sich deren Leute als Gemeindeberater ins Haus, sondern überbieten sich nun auch noch darin, bestimmte mainstreammedien-konforme gutmenschliche oder politisch linkslastige bis Linksaußen-Positionen zu vertreten – Positionen, die erst durch die wachsende Akzeptanz des postmodernistischen Paradigmas im christlichen Bereich möglich geworden sind, da sie in einer an absoluter Wahrheit und objektiver Realität orientierten Glaubenskultur scheitern würden.
Zugleich haben viele – auch Leiter! – leider immer noch nicht den absoluten Ernst der aktuellen Lage begriffen und denken weiterhin, es gehe bei “Emergent” nur darum, daß wir “neue zeitgemäße Wege zu den Menschen gehen müssen”. Das veränderte Denken und Lebensgefühl der Menschen um sie herum wahrnehmend und eine Antwort darauf suchend, nehmen sie in Verkennung seiner wahren Natur das “Danaergeschenk” des missional-emergenten postmodernistischen Denkens an und öffnen bereitwillig die Türen zur Emergenten Bewegung, während diejenigen, die genau wissen, was sie tun, durch ihre Blog-, Konferenz- und Beratungstätigkeit ohne Zögern strategisch und konsequent den Einfluß ihrer postmodernistisch umgebauten Theologie durch die ihnen geöffneten Türen hindurch ausweiten, um die ihnen persönlich verhaßte “Drinnen/Draußen”-Theologie und vor allem -Eschatologie endlich an den Rand der christlichen Szene drängen zu können.
Häresien wie die Allversöhnungslehre (christlicher Universalismus), die in der evangelikalen Szene offiziell eigentlich längst abgehakt waren, können unter dem emergenten Banner erneut reüssieren, wie der Erfolg von Rob Bells jüngstem Buch “Love Wins” zeigt, und Teile der Theologie des “Konziliaren Prozesses für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung” aus den 1980er-Jahren – eine Lehre, die aus guten theologischen Gründen nie im evangelikal-charismatischen Bereich zu Hause war – begegnen einem jetzt mitten im evangelikalen Haus als “missionale” Déjà-vu-Erlebnisse in Gestalt des “Missio Dei”- und “Reich Gottes”-Denkens der Emergenten Bewegung (Näheres hierzu vorläufig hier unter Punkt 1 und 9), wobei mit Jim Wallis von den Sojourners sogar einer der damaligen “Konziliaren” erneut an vorderster Front erscheint.
Das Neue und Betrübliche ist, daß in der evangelikalen Szene keine öffentliche Klarstellung oder Zurückweisung derartiger Lehren mehr erfolgt. Was bislang nur auf explizit emergenten Treffen und Nischen gedeihen konnte, wird in diesem Jahr die Bühne von Treffen und Konferenzen von Gemeindebünden und auf Allianzebene betreten. “Emergent” und Postmodernismus, vor allem aber die zugehörige “missionale” “Missio Dei”-/”Reich Gottes”-Theologie wird der neue Megatrend auf den christlichen Konferenzen und Gemeindebund-Veranstaltungen werden, ohne daß ernsthaft mit Widerspruch zu rechnen ist, etwa weil führende evangelikale Persönlichkeiten die Konfrontation mit ihren schon emergent gewordenen Amtsbrüdern scheuen, oder als Väter junger Erwachsener, die sich der Emergenten Bewegung angeschlossen haben, sich nicht mehr trauen, Position gegen die emergenten Einflüsse und damit gegen das Denken ihrer eigenen Kinder zu beziehen.
Postmodernistisches emergent-missionales Denken wird in diesem Jahr endgültig die Leitungsebene der freikirchlichen Gemeindebünde erreichen, sofern die Bundesleitungen sich nicht ohnehin schon – wie der Präses des Mülheimer Verbands, Ekkehart Vetter – aktiv an der Ausbreitung und Befürwortung postmodernistischen Denkens beteiligen. So stellt sich die Frage, ob es 2012 überhaupt noch einen großen (frei)kirchlichen Gemeindebund geben wird, dessen theologische Bausubstanz so solide ist, daß sie in der sengenden Hitze der postmodernistisch-emergenten Sonne nicht wie Kerzenwachs dahinschmilzt, und dessen Liebe zur Wahrheit und zum Gott der Bibel so groß ist, daß er diesem Prozeß entschlossenen Widerstand entgegensetzt.

2012: Welcher Gemeindebund hält der postmodernistischen Hitze noch stand?
Weil die BFP-Bundesleitung im Hinblick auf die “Emergenten Randerscheinungen im BFP” weiterhin schweigt und nichts unternimmt, und anscheinend jeder machen kann, was er will, droht mit dem BFP in diesem Jahr nun auch die letzte große noch nicht signifikant von der Emergenten Bewegung betroffene freikirchliche Bastion zu fallen. Schon wird im offiziellen Gemeindeblatt einer BFP-Gemeinde im südlichen Hamburger Umland allen Ernstes Rob Bells “Velvet Elvis – ein neues Bild des Glaubens malen” – eines der Schlüsselbücher der Emergenten Bewegung – als auferbauende Lektüre empfohlen, und beim gestrigen Lesen eines “GEISTbewegt!”-Heftes des letzten Quartals mußte ich höchsten Erstaunens feststellen, daß mit Uwe Schäfer ein bekannter BFP-Pastor, der vor einigen Jahren (bis 2007) sogar Vize-Präses war, plötzlich auf politisch ultralinken Pfaden wandelt, sich als “christlicher Sozialist” bezeichnet und auf seinem Facebook-Profil sympathetische Links zu Rosa Luxemburg und Sahra Wagenknecht setzt.
Auch auf Allianz-Ebene werden die merkwürdigen Signale und Botschaften zunehmen. Einen Vorgeschmack darauf lieferte vor wenigen Wochen der scheidende Allianz-Vorsitzende Jürgen Werth mit seiner Äußerung, angesichts der langjährigen Kritik der Mainstream-Medien froh zu sein, die Evangelikalen aus der “fundamentalistischen Schmuddelecke” herausgeführt zu haben, und das Buch “Die neuen Evangelikalen” der pro-emergenten Autorin Marcia Pally als “Trendwende im Hinblick auf das Image” zu feiern (
Artikel im Medienmagazin pro vom 01.12.2011).
Diese Bewegung führender Persönlichkeiten weg von den bisherigen Positionen führt dazu, daß die evangelikale Szene insgesamt in Bewegung geraten und vor spürbaren Umbrüchen stehen wird. In den bestehenden Gemeinden wird es zu deutlichen Ausdifferenzierungen, Uneinigkeiten und Gegensätzen kommen, da es in allen Denominationen bekennende Christen geben wird, die dem biblisch-christlichen Denken treu bleiben werden und den postmodernistischen Weg niemals mitgehen können. Dies wird sich vermehrt in Personalentscheidungen, Leiterwechseln und Mitgliederverschiebungen (Gemeindeaustritte) widerspiegeln, wobei letztere möglicherweise ganz neue freie Gemeinden gründen werden, um wieder ein geistliches Zuhause zu haben.
Nicht nur die Einheit in vielen Gemeinden wird zerbrechen, auch die in den beiden letzten Jahrzehnten entstandene Einheit der evangelikalen Bewegung – genauer: die Einheit dessen, was vor kurzem noch die evangelikale Bewegung war – wird aufgrund der totalen Gegensätzlichkeit des postmodernistischen (wie auch des neomarxistischen) Weltbildes zum biblisch-christlichen Weltbild keinen Bestand mehr haben; es wird unweigerlich zur – von eifrigen Emergenten schon heiß ersehnten – Spaltung kommen, deren deutlichstes Indiz zunächst einmal die entschiedene Distanzierung von den “konservativen US-amerikanischen Evangelikalen” sein wird.
Unsere einzige Hoffnung angesichs der drohenden Kaperung der evangelikalen Szene durch den “christlichen Postmodernismus” ist der Herr selbst. Er kann eingreifen und die noch Unwissenden zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen lassen – und zwar sowohl zur Wahrheit über die postmodernistische Theologie als auch zum Wesen der absoluten Wahrheit selbst, deren Zugänglichkeit die postmodernistische Theorie unablässig bestreitet und die zugleich ihr größter Alptraum ist. Diese Wahrheit ist unsterblich, auf lange Sicht unbesiegbar; an ihr muß letztlich jede angemaßte Herrschaft zerschellen; sie setzt Gebundene und Gefangene frei; sie ist ein unverrückbarer Fixpunkt, unbestechlich, nicht dialogisch, keine Verhandlungssache, kein soziales Konstrukt der herrschenden Klasse, und: wir finden sie, in einzigartiger Weise mit Gnade vereint, in einer Person – in Jesus Christus, dem wiederkommenden König der Könige und Herrn der Herren.
Nutzen oder Weiterleiten per:
Gefällt mir:
Sei der Erste, dem dieser post gefällt.
Die BFP-Spitze scheint die schwerwiegenden theologischen Implikationen der Phänomene “Emergente Bewegung” und “Postmodernismus” bislang überhaupt nicht wahrgenommen oder begriffen zu haben und deutet sie lediglich auf der Ebene von “Gemeindemodellen”.
Einerseits finde ich dies verwunderlich und kaum vorstellbar, war man doch 2009 in der Lage, ein theologisches Papier zur “Prädestionationslehre” zu verfassen, andererseits läßt die folgende Feststellung aus dem Büro von BFP-Präses Roman Siewert aus meiner Sicht keinen anderen Schluß zu:
“Von Seiten des BFP gibt es keine offizielle Verlautbarung oder Favorisierung bestimmter Gemeindemodelle. So wie jede andere Kirchenbewegung setzt sich der BFP zu unterschiedlicher Zeit mit den unterschiedlichsten Konzepten auseinander. Wichtig dabei ist, dass die Ortsgemeinde in ihrer Eigenständigkeit agiert und dabei bibelbezogen bleibt.”